Artikel im Monat „Juli 2012“

In Deutschland wird gespielt.


Immer wieder bin ich erstaunt, wie viele Leute so gar keine Ahnung haben das Deutschland nicht nur ein Land der Dichter und Denker und der Wissenschaft und Technologie ist, sondern ebenfalls ein Land der Spieler – oder vielleicht sogar das Land der Spieler. Jetzt denkt jeder sicherlich an Video- und Computerspiele und möchte schon wiedersprechen – aber hier geht es um Brettspiele, bzw. Gesellschaftsspiele. Also jene Spiele, die man gemeinsam mit wirklichen Menschen und realem (Spiel)Material an einem echten Tisch spielt.

Warum nun Spiele und Spielen immer noch einen so mageren Stellenwert (siehe die Mettigel) und ein fragwürdiges Image in der Bevölkerung hat liegt an vielen Faktoren. Sicherlich weil das Thema „Spiel“ noch immer nicht so stark in der Gesellschaft präsent ist wie es sein sollte – obwohl es „Gesellschaftsspiel“ heißt. Für viele hört die Auseinanderstzung mit „Spielen“ aber auch einfach mit dem Ende der Kindheit auf.  Trotzdem hat sich in Deutschland eine riesige Spiele(r)szene etabliert sowie ein großer hochprofessioneller Markt.

Für all die „ahnungslosen“ Menschen hier nun ein ganz kleiner Einblick in die Spiele(r)szene und ein paar Argumente, warum der Prophet im eigenen Land doch mehr zählen sollte.

Deutschland genießt im Ausland seit Jahren ein hohes Ansehen. Wir sind beliebt, beachtet und geschätzt. Dazu gibt es viele Studien (aktuell die Umfragen des Pew Research Center in den USA) und neben unseren „Dichtern und Denkern“ – siehe oben – sicherlich auch viele Gründe: zum Beispiel das „Sommermärchen 2006“ oder das deutsche Touristen im Ausland nicht mehr pöpelnd in weißen Tennissocken rumlaufen. Vielleicht auch weil immer mehr Reisende nach Deutschland kommen und mit alten Vorurteilen aufräumen … und vielleicht auch die deutsche Brettspielkultur.

Jetzt sind wir beim Prophet: denn die Deutschen sehen sich selber immer negativer als Sie von anderen Nationen wahrgenommen werden– auch das wird durch Studien belegt. Und wie oben geschrieben, kommt die deutsche (Brett)Spielkultur auch nicht besonders gut weg – zumindest in Deutschland. In vielen anderen Ländern wird unser Propheten allerdings gehört. Die deutsche Brettspielkultur genießt dort ein sehr hohes Ansehen – und zurecht, sie ist in vielen Dingen wirklich weltweit einmalig und einzigartig.

Jetzt definiert sich die Brettspielkultur natürlich nicht nur durch das Kulturgut Spiel – „German Games“ ist mittlerweile ein Gattungsbegriff und ebenso positiv aufgeladen wie „Made in Germany“, sondern auch durch die vielen Menschen, die sich mehr oder weniger intensiv mit Spielen auseinandersetzen und damit den Stellenwert der Brettspielkultur steigern. In Deutschland, allen Propheten zum trotz, und im Ausland:

  • Da sind die Spielautoren, die Kreativen, die Tüftler, die Ideenfinder und Ideengeber, die Spiele mit Leidenschaft entwickeln. Die immer auf der Suche nach neuen Trends sind und oftmals selber Trends setzen.
  • Da sind die Illustratoren, die Künstler, die Art-Direktoren und Gestalter, die mit Liebe zum Detail den Spielwelten Gestalt und Atmosphäre geben.
  • Da sind die Verlage, die Redakteure und die Produzenten, die selbst abwegige Ideen in ungesehene, aufregende und innovative Produkte umsetzen. Inhaltlich und technisch auf höchstem Niveau.
  • Da sind die Journalisten, die Publizisten und die vielen Spielbegeisterten, die in den Medien, in Magazinen oder auf Blogs berichten. Mit Begeisterung und kritischem Sachverstand.
  • Da sind natürlich die Spieler, die im kleinen oder großen Kreis mit Familie, Freuden und Gleichgesinnten die Spiele mit Leben füllen. Mit Spaß und Enthusiasmus, mit Taktik und spielerischem Ehrgeiz, mit Phantasie und Lebensfreude.
  • Dann gibt es aber auch die Wissenschaft und Forschung, die sich mit dem Phänomen „Homo ludens“ auseinandersetzt.
  • Und da es sich ja nicht um eine „Spielerei“, sondern um einen ernst zu nehmenden Markt handelt, existieren auch die unterschiedlichsten Institutionen und Vereine, die sich mit dem Thema in allen Facetten beschäftigt.

Die „Welt der Spiele(r)“ ist also kreativ, ideenreich, innovativ, weltoffen, am Puls der Zeit, fröhlich, lebensbejahend, familienfreundlich, gesellig, technisch fortschrittlich, und, und, und …

Werden die Deutschen nun als Land mit einer großen Brettspielkultur wahrgenommen, werden sie also auch mit all diesen positiven Werten in Verbindung gebracht. Das steigert dann nicht nur den Stellenwert unserer Spielkultur insgesamt, sonderen auch den Stellenwert unserer Propheten. Und das ist gut!

Wer jetzt noch mehr über all diese Menschen und ihre „verspielten“ Aktivitäten wissen möchte, dem sei an dieser Stelle die Linkliste der SAZ (Spiele-Autoren-Zunft e.V.) empfohlen. Sie bietet einen guten Überblick über die große Szene mit ausgewählten Referenzen – auch über unsere Grenzen hinweg.

Zuletzt sei noch angemerkt – trotz des kurzen positiv gezeichneten Bildes: Ja, es gibt auch Spielverderber. Die gibt es überall, aber wer möchte mit denen schon gerne zu tun haben.


Brettspiele sind wie Mettigel …

Seit Montag aus dem Urlaub zurück, die Arbeit wieder halbwegs im Griff und beim Online-Stöbern im „Tagesspiegel“ die Kolumne „Zwischen den Spielen“ gefunden mit einem Beitrag von Karin Christmann zum Thema Brettspiel:

„Erwartet etwas anderes als eine Blamage diejenige, die sich hiermit öffentlich als Freundin, vielleicht sogar als Kennerin des Brettspiels zeigt? Brettspiele sind wie Mettigel …“

Na, das sag ich doch (siehe Über Brettspielkultur). Aber ganz so drastisch wie in der Kolumne dargestellt ist es ja dann doch nicht. Trotzdem kurz und unterhaltsam geschrieben, wenn auch die Werbefinanzierung nervt. Aber Qualitätsjournalismus ist halt nicht umsonst und das Kulturgut Spiel braucht Qualitätsjournalismus … zumindest mehr als Mettigel.


Das Spiel des Jahres 2012 ist …

Die Jury versteht das Spiel als Kulturbotschafter. Soeben kam es live über den Online-Ticker von der Preisverleihung direkt aus Berlin: die Gewinner des Spiel des Jahres 2012: „Kennerspiel des Jahres 2012“ – ausgezeichnet mit dem grauen (anthrazitfarbenen) Pöppel – ist Village von Inka und Markus Brand, erschienen bei eggertspiele. „Spiel des Jahres 2012“ – ausgezeichnet mit dem roten Pöppel – ist Kingdom Builder von Donald X. Vaccarino, erschienen bei Queen Games. Das Kindespiel des Jahres 2012 wurde bereit am 11. 6. 2012 mit dem blauen Pöppel ausgezeichnet, es ist Schnappt Hubi! von Steffen Bogen, erschienen bei Ravensburger. Brettspielkultur.de sagt allen Gewinnern „Herzlichen Glückwunsch“.

Presse und Fernsehen schienen wohl stark vertreten zu sein und ich hoffe auf eine breite Berichterstattung. Die Auszeichnung des Spiel des Jahres ist im Moment sicherlich die einzige große medienrelevante Veranstaltung zur Förderung des Kulturguts Spiel. Und davon profitieren alle die mit der Bracnhe zu tun haben, nicht nur die Verlage mit hohen Abverkaufszahlen. Ich finde auch die neue Kategorie „Kennenlernspiel“, die dieses Jahr zum zweiten mal vergeben wurde, sehr lobenswert. Hier werden endlich auch etwas anspruchsvollere Spiele dem „Massenmarkt“ schmackhaft gemacht.

Alle weiteren Details sind auf der Website vom Spiel des Jahres e.V. zu finden. Weiter so.